Hautbarriere und Mikrobiom - das lebendige Ökosystem unserer Haut

Hautbarriere und Mikrobiom - das lebendige Ökosystem unserer Haut

Die wichtigsten Fragen zur Hautbarriere - Teil 9


Unsere Haut schützt uns nicht nur vor der Außenwelt. Auf ihr lebt eine vielfältige Gemeinschaft von Mikroorganismen, die eng mit der Hautbarriere verbunden ist. Was bedeutet das für unsere Haut - und für unsere Pflege?

In den vergangenen Teilen dieser Serie haben wir uns ausführlich mit der Hautbarriere beschäftigt: mit ihrem Aufbau, den wichtigen Lipiden, den Ursachen einer geschwächten Hautbarriere und der Frage, wie wir die Haut bei ihrer Regeneration unterstützen können.

Wir haben gesehen, dass sich die Haut im Laufe unseres Lebens verändert. Und wir haben uns gefragt, wie viel Hautpflege sie eigentlich wirklich braucht.

Dabei haben wir die Hautbarriere vor allem als Schutzsystem betrachtet.

Doch die Haut ist mehr als eine Schutzmauer.

Sie ist ein lebendiges, dynamisches System. Und zu diesem System gehört etwas, das wir mit bloßem Auge nicht sehen können:

das Hautmikrobiom.

 

Wenn wir von der Hautbarriere sprechen, denken wir meist an die äußerste Hautschicht, das sogenannte Stratum corneum.

Dort befinden sich die verhornten Hautzellen, die Korneozyten, eingebettet in eine Lipidmatrix aus Ceramiden, Cholesterin und Fettsäuren. Diese Struktur ist entscheidend dafür, dass die Haut Wasser zurückhalten und unseren Körper vor äußeren Einflüssen schützen kann.

Aber die Hautbarriere ist keine starre Wand.

Die Haut steht ständig mit ihrer Umgebung in Kontakt. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, UV-Strahlung, Schweiß, Talg, Kosmetik und viele andere Faktoren wirken auf sie ein. Gleichzeitig erneuert und reguliert sich die Haut fortlaufend.

Sie ist ein biologisches System, das ständig arbeitet.

Und auf ihrer Oberfläche lebt eine ganze Gemeinschaft von Mikroorganismen.

Was ist das Hautmikrobiom?

Als Hautmikrobiom bezeichnet man vereinfacht gesagt die Gesamtheit der Mikroorganismen, die unsere Haut besiedeln.

Dazu gehören unter anderem Bakterien, Pilze und Viren.

Das klingt zunächst vielleicht nicht besonders angenehm. Schließlich verbinden wir Mikroorganismen im Alltag häufig mit Schmutz, Krankheit oder mangelnder Hygiene.

Auf der Haut ist die Situation jedoch wesentlich komplexer.

Denn nicht jeder Mikroorganismus ist schädlich.

Viele gehören ganz selbstverständlich zu einer gesunden Haut und sind Teil ihres natürlichen Ökosystems.

Dabei gibt es auch nicht das eine „gute Hautbakterium“, das wir möglichst vermehren und alle anderen möglichst beseitigen sollten.

Das Hautmikrobiom ist eine vielfältige Gemeinschaft. Welche Mikroorganismen auf unserer Haut vorkommen und in welcher Zusammensetzung, hängt unter anderem davon ab, wo am Körper sie leben.

Die eher trockene Haut am Unterarm bietet beispielsweise andere Bedingungen als die talgreiche Haut im Gesicht oder eine feuchtere Hautstelle.

Unser Hautmikrobiom ist deshalb individuell - und es ist veränderlich.

Eine lebendige Gemeinschaft auf unserer Haut

Vielleicht ist es hilfreich, sich die Haut einmal als Lebensraum vorzustellen.

Auf ihrer Oberfläche herrschen bestimmte Bedingungen: Feuchtigkeit, Lipide, Salze, unterschiedliche pH-Werte, Sauerstoff und Nährstoffe. Manche Bereiche sind trocken, andere warm und feucht.

In diesem Lebensraum leben unterschiedliche Mikroorganismen miteinander und mit der Haut.

Sie können miteinander interagieren und stehen auch mit den Hautzellen und dem Immunsystem in Verbindung.

Das Mikrobiom ist damit nicht einfach etwas, das „auf“ der Haut sitzt.

Es ist Teil der biologischen Umgebung, in der unsere Haut funktioniert.

Und genau deshalb ist auch der Zustand der Hautbarriere für dieses Ökosystem von Bedeutung.

Der Säureschutzmantel - ein Begriff aus der klassischen Hautpflege

Vielleicht hast du schon einmal vom sogenannten Säureschutzmantel gehört.

Der Begriff klingt etwas altmodisch und wird heute in der Kosmetik teilweise sehr vereinfacht verwendet.

Gemeint ist damit das leicht saure Milieu an der Hautoberfläche.

Der pH-Wert der Haut liegt normalerweise im sauren Bereich, häufig zwischen etwa 4,5 und 5,5. Dabei ist er nicht überall identisch, sondern kann sich je nach Körperstelle und individuellen Faktoren unterscheiden.

Der pH-Wert beeinflusst verschiedene Prozesse in der Haut und spielt unter anderem für die Barrierefunktion und das mikrobielle Umfeld der Haut eine Rolle.

Damit kommen wir zu einem wichtigen Zusammenhang:

Die Bedingungen auf der Haut beeinflussen auch die Gemeinschaft der Mikroorganismen, die dort lebt.

Den Säureschutzmantel selbst möchte ich an dieser Stelle gar nicht bis ins Detail erklären. Denn die Zusammenhänge sind wesentlich interessanter und komplexer, als der Begriff zunächst vermuten lässt.

Darum wird es dazu einen eigenen Artikel geben.

Warum der pH-Wert für das Hautökosystem wichtig ist

Auch Mikroorganismen reagieren auf ihre Umgebung.

Der pH-Wert, die verfügbare Feuchtigkeit, Temperatur, Talg und viele weitere Faktoren beeinflussen, welche Mikroorganismen auf einem bestimmten Hautareal vorkommen und wie sie miteinander interagieren.

Gleichzeitig können Mikroorganismen selbst die Umgebung der Haut beeinflussen.

Es handelt sich also nicht um eine Einbahnstraße.

Haut und Mikrobiom beeinflussen sich gegenseitig.

Auch für die Hautbarriere spielt der pH-Wert eine Rolle. Verschiedene Enzyme, die an den natürlichen Prozessen der oberen Hautschicht beteiligt sind, arbeiten abhängig von den Bedingungen ihres Umfelds.

Deshalb ist das natürliche Milieu der Haut nicht einfach eine Nebensache.

Es gehört zu den Bedingungen, unter denen die Haut ihre Aufgaben erfüllen kann.

Hautbarriere und Mikrobiom arbeiten zusammen

Hier schließt sich der Kreis zu den bisherigen Artikeln dieser Serie.

Eine intakte Hautbarriere hilft dabei, Wasser in der Haut zu halten und unerwünschte Einflüsse von außen abzuwehren.

Gleichzeitig bietet die Hautoberfläche ein bestimmtes Umfeld, in dem ihr Mikrobiom leben kann.

Das Mikrobiom wiederum steht in engem Austausch mit der Haut und ihrem Immunsystem.

Man kann diese Systeme deshalb nicht wirklich voneinander trennen.

Hautbarriere und Mikrobiom gehören zum selben lebendigen System.

Wenn sich die Bedingungen auf der Haut verändern, kann sich auch die mikrobielle Gemeinschaft verändern. Umgekehrt können Veränderungen des Mikrobioms mit Veränderungen der Hautbarriere und entzündlichen Prozessen zusammenhängen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Veränderung des Mikrobioms problematisch ist.

Denn ein Mikrobiom ist nicht statisch. Es verändert sich mit dem Alter, der Körperregion, der Umwelt und vielen anderen Faktoren.

Gesunde Haut bedeutet deshalb nicht, dass auf ihr immer exakt dieselben Mikroorganismen in derselben Menge vorkommen müssen.

Es geht vielmehr um ein funktionierendes Gleichgewicht.

Was kann dieses Gleichgewicht stören?

Unsere Haut ist erstaunlich anpassungsfähig. Gleichzeitig kann sie durch wiederholte oder starke äußere Einflüsse belastet werden.

Dazu können beispielsweise gehören:

  • sehr aggressive oder zu häufige Reinigung
  • übermäßiges Peeling
  • eine Häufung stark wirkender oder irritierender Produkte
  • extreme Umweltbedingungen
  • häufige und starke Veränderungen des Hautmilieus
  • aber auch natürliche Veränderungen wie Alterung und hormonelle Veränderungen

Das bedeutet nicht, dass Reinigung oder Peeling grundsätzlich schlecht sind.

Es kommt - wie so oft bei Hautpflege - auf Dosis, Häufigkeit und Hautzustand an.

Eine stabile Haut kann vieles tolerieren.

Eine bereits gereizte oder geschwächte Haut kann dagegen empfindlicher reagieren und braucht möglicherweise deutlich weniger Intervention.

Warum „sauber“ nicht dasselbe wie „gesund“ bedeutet

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken dieses Artikels.

Wir sind es gewohnt, Sauberkeit mit Gesundheit gleichzusetzen.

Bei der Haut ist es etwas komplizierter.

Natürlich ist Reinigung wichtig. Schweiß, Schmutz, überschüssiger Talg, Make-up und Sonnenschutz sollen entfernt werden.

Aber das Ziel einer gesunden Haut ist nicht, alles von ihrer Oberfläche zu entfernen.

Wir wollen unerwünschte Rückstände beseitigen, ohne gleichzeitig die natürlichen Bedingungen der Haut unnötig zu stören.

Gesunde Haut bedeutet nicht sterile Haut.

Nicht alles, was entfernt werden kann, muss auch entfernt werden.

Was braucht das Hautmikrobiom?

Die Antwort ist erstaunlich unspektakulär.

Unser Hautmikrobiom braucht vor allem ein funktionierendes Umfeld.

Dazu gehören eine möglichst intakte Hautbarriere, ein passendes Hautmilieu und Bedingungen, unter denen die natürliche Gemeinschaft der Mikroorganismen bestehen kann.

Das bedeutet auch, dass wir nicht zwangsläufig für jedes Hautproblem ein spezielles „Mikrobiom-Produkt“ brauchen.

Der Begriff Mikrobiom ist inzwischen überall in der Kosmetik angekommen. Produkte werden als „mikrobiomfreundlich“ bezeichnet, und wir begegnen immer häufiger Begriffen wie Präbiotika, Probiotika und Postbiotika.

Diese Themen sind wissenschaftlich interessant und verdienen eine differenzierte Betrachtung.

Aber auch hier lohnt sich ein genauer Blick.

Nicht jedes Produkt, auf dem „Mikrobiom“ steht, macht automatisch dasselbe. Und nicht jede Veränderung des Mikrobioms ist automatisch etwas, das wir korrigieren müssen.

Weniger stören - mehr unterstützen

Vielleicht muss gesunde Haut gar nicht ständig optimiert werden.

Vielleicht braucht sie vor allem Bedingungen, unter denen ihre eigenen Systeme funktionieren können.

Das bedeutet nicht, dass wir nichts für unsere Haut tun sollten.

Eine sanfte Reinigung, Feuchtigkeit, hautverträgliche Lipide, Sonnenschutz und ausgewählte Wirkstoffe können die Haut sinnvoll unterstützen.

Aber Pflege muss nicht immer bedeuten, etwas zu verändern.

Manchmal bedeutet gute Pflege auch, etwas nicht zu stören.

Denn die Haut ist kein leeres Blatt, auf das wir ständig neue Wirkstoffe auftragen müssen.

Sie ist ein lebendiges System.

Sie erneuert sich. Sie reguliert. Sie schützt. Sie passt sich an.

Und sie steht dabei in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt - einschließlich der unsichtbaren Gemeinschaft, die auf ihr lebt.

Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser gesamten Hautbarriere-Serie:

Wir können die natürlichen Fähigkeiten unserer Haut nicht ersetzen. Aber wir können ihnen gute Bedingungen geben.

Und vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe guter Hautpflege:

Nicht ständig mehr zu tun.

Sondern zu verstehen, wann mehr wirklich nötig ist - und wann weniger der Haut mehr Raum lässt.

Glossar

Hautmikrobiom
Die Gesamtheit der Mikroorganismen, die die Haut besiedeln und mit der Haut sowie untereinander in Wechselwirkung stehen.

Mikroorganismen
Winzige biologische Organismen bzw. biologische Einheiten, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. Dazu gehören unter anderem Bakterien und Pilze.

Stratum corneum
Äußerste Schicht der Haut. Sie besteht aus Korneozyten und einer Lipidmatrix und bildet die wichtigste strukturelle Grundlage der Hautbarriere.

Lipidmatrix
Fettmoleküle zwischen den Hautzellen („Mörtel“), die die Barriere abdichten und flexibel halten.

Mikrobiota
Die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in einem bestimmten Lebensraum vorkommen. Der Begriff wird häufig ähnlich wie „Mikrobiom“ verwendet, bezeichnet wissenschaftlich jedoch nicht exakt dasselbe.

pH-Wert
Ein Maß dafür, wie sauer oder basisch eine Umgebung ist. Die Hautoberfläche weist normalerweise ein leicht saures Milieu auf.

Säureschutzmantel
Die traditionelle Bezeichnung für das leicht saure Milieu an der Hautoberfläche. Dahinter steht ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

Korneozyten
Verhornte Hautzellen des Stratum corneum, die gemeinsam mit den interzellulären Lipiden wesentlich zur Barrierefunktion beitragen.

Mikrobiom-freundlich
Ein Begriff aus der Kosmetik, der darauf hinweisen soll, dass eine Formulierung das Hautmikrobiom möglichst wenig beeinträchtigt oder ein günstiges Hautmilieu unterstützt. Der Begriff allein ist jedoch keine einheitlich definierte Qualitätsgarantie.

Präbiotika, Probiotika & Postbiotika
Begriffe, die heute häufig im Zusammenhang mit dem Mikrobiom verwendet werden. Was genau dahintersteckt und worin die Unterschiede liegen, ist ein eigenes Thema und wird in einem späteren Artikel genauer betrachtet.

Ausblick

Mit diesem Artikel haben wir die Hautbarriere um eine weitere Dimension erweitert.

Im nächsten und letzten Teil dieser Serie möchte ich deshalb noch einmal einen Schritt zurückgehen und die vielen einzelnen Puzzleteile zusammenbringen:

Was braucht unsere Haut eigentlich wirklich, um gesund zu bleiben?

Denn vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis nach zehn Teilen Hautbarriere-Wissen nicht, was wir unserer Haut noch alles geben können.

Sondern was wir ihr manchmal einfach lassen sollten.

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